c/o Licht in der Bildenden Kunst [LIFA]

… in Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installation und Intervention

In den letzten zehn Jahren fungiert der Begriff „Lichtkunst“ wie ein ergänzendes Label für künstlerische Positionen, die Tages- und technisches Licht integrieren, die mit Lumineszenz als bildnerischem oder plastischem Material arbeiten oder die Licht als Bildträger nutzen. Der Begriff legt die Verwandtschaft zur Video- oder Medienkunst nahe wie sie im 20. Jahrhundert entwickelt wurde. Er bezieht sich auf Kunstformen, die eng mit der Entwicklung technischer Möglichkeiten verwoben sind. Der Fokus auf die technischen Aspekte vernachlässigt die natur- und kulturgeschichtliche Relevanz des Lichts. In unseren Metaphern und Denkbildern gibt es eine Vielfalt von Begriffen, um Licht zu beschreiben und die zugleich zur Anwendung kommen, um Wahrnehmung und Erkenntnis, um Lebendigkeit und Vitalität oder das Erhellende wie das Erhabene zur Sprache zu bringen. Die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit Licht als Medium der Wahrnehmung, des Denkens und der Darstellung reflektiert auch wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen, aber sie entzündet sich an einem kulturgeschichtlichen Wandel, der das Verhältnis zum Bild verändert.

Licht in der Bildenden Kunst

Lichtkunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie Interferenzen von Raum, Form, Farbe und Wahrnehmung verbildlichen und auf ihr ästhetisches Potenzial befragen. Sie lassen sich als ein dynamisches System wechselseitiger Verweise lesen, das sich entlang der physikalischen Eigenschaften des Lichts und der Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung erschließt. Künstler_innen verwenden Licht für Zeichnung, Malerei, Skulptur, Installation, Intervention und Performance. Sie kartografieren das Zusammenspiel von Licht und Dunkel, Raum und Zeit, Form und Farbe, Material und Medien, Optik und Wahrnehmung neu. Die Vielfalt der Lichtkunst-Positionen mäandert zwischen den unterschiedlichsten thematischen und medialen Feldern und lässt sich eher als kulturgeschichtliches Phänomen denn als Kunstform beschreiben.

Von Licht und Schatten

Die Beobachtung von Licht- und Schattenprojektionen führte zu den ersten Darstellungen, wie sie in den Höhlen von Chauvet und Lascaux gefunden wurden. Über die Jahrtausende bis heute ist die Auseinandersetzung mit Schattenbildern für Künstler_innen von formaler wie von konzeptioneller Bedeutung und wird in Zeichnungen, Scherenschnitten, Schattenspielen und Schwarzweiß-Filmen umgesetzt. Beispiele der Gegenwart sind u.a. die Serie der „Théâtre d’ombres“, die Christian Boltanski von 1984 bis 1997 entwickelte, die Serie „Urban Shadows“ des Straßenkünstlers Zevs, die er seit Ende der 1990er Jahre in verschiedenen Metropolen anlegt, oder die Installation „Refusal of Time“, die William Kentridge zur Documenta 2012 realisierte.

Von Licht und Transparenz

Aber nicht nur das Schwarz des Schattens, sondern auch das Lichtspiel, wie es sich in Verbindung mit lichtdurchlässigen Materialien zeigt, führte schon vor 9.000 Jahren zu ersten Artefakten. Seit dem 5. Jahrhundert nach Christus gibt es Belege für Transparentbilder, insbesondere für Glasmalerei. In sakralen Zusammenhängen wurde das Zusammenspiel von Tageslicht und Transparenz zur Symbolisierung mythischer und sakraler Inhalte eingesetzt. Bedeutende Werke der Kunst und der Architektur entstanden vom Mittelalter an über die Renaissance, den Jugendstil, die Moderne bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Ihnen gemeinsam sind die hohe Differenzierung in den Kontrasten, die Farbleuchtkraft und die Veränderlichkeit der Farbe. In der Gegenwart sind es Maler wie Markus Lüpertz, Gerhard Richter oder Neo Rauch, die sich mit transparenten Malgründen, darunter auch Kirchenfenster, auseinandersetzen.
Tageslichtinstallationen wie „Your Rainbow Panorama“ von Olafur Eliasson auf dem Kunstmuseum in Aarhus (seit 2011) oder „Excentrique(s) Travail In Situ“ von Daniel Buren im „Palais de Tokio“ in Paris (2012) zeigen, wie aktuell die künstlerische Auseinandersetzung ist.

Ende des 18. Jahrhunderts waren Diaphane populär. Die Wirkung des nicht gemalten, sondern des gestalteten Lichts integrierte Zeitlichkeit und Veränderlichkeit in das Bildgeschehen. Eines der bekannten Beispiele sind die Lichtbilder von Caspar David Friedrich: „Diese Malereien, die so nur bei Lampenlicht gesehen werden können, bedürfen einiger Vorrichtungen, wofür ich hier jedoch schon Sorge tragen würde, dass [sie], an Ort und Stelle angelangt, mit leichter Mühe aufgestellt werden könnten….“. Caspar David Friedrich war der erste, der das Prinzip der „Schusterkugel“ mit transparenten Bildwerken kombinierte.

Über die letzten Jahrhunderte hat sich die Art der Werke, die mit Hinterleuchtung von Bildwerken arbeiten, ausdifferenziert. Heute sind es oft Fotografien wie bei Magdalena Jetelová oder Mischa Kuball, die Fotografien auf hinterleuchteten Tableaus zeigen oder Jeff Walls, der seit Ende der 1970er Jahre fotografische Tableaus realisiert, die in ihrer Komposition an klassische Malerei und in ihrer leuchtenden Erscheinung an das Kino erinnern.

Von Licht und Flüchtigkeit

Neu in der künstlerischen Praxis der Gegenwart ist das Zusammenspiel von Licht und ephemeren Materialien wie Staub, Nebel oder Wasser, denen Räumlichkeit und Zeitlichkeit ebenso eingeschrieben sind wie dem Licht selbst. Zu den signifikanten Beispielen gehören die Arbeiten von Anthony McCall, der den Weg des Lichts und seine plastischen Qualitäten mit Filmprojektoren inszeniert, oder die Arbeiten von Diana Ramaekers, die mit LED-basierten Schweinwerfern in Nebelräumen choreografiert, oder die Werke von Edwin van der Heide, der Hochleistungslaser für seine audiovisuellen Environments nutzt. Wurde in der Vergangenheit das Bild charakterisiert durch räumliche Begrenzung, mediale Fixierung und zeitliche Permanenz, erscheint dies in der Gegenwart als unzulänglich, um auch die ästhetische Produktionen zu beschreiben, denen Nicht-Lokalität, Zeitfluss, Intermedialität und Vergänglichkeit inhärent sind.

Von Bild und Blick

Die Koppelung von Bild und Blick gehört zu den wesentlichen Aspekten von lichtbasierten Arbeiten. Viele der Künstler_innen, die mit physikalischem Licht arbeiten, beziehen sich auf die Wahrnehmung als ko-kreativen und ko-konstituierenden Prozess eines jeden Kunstwerkes. Dies hat die Art der Arbeiten, ihre Materialität und ihre visuelle Sprache verändert. Subjektivität als a priori von Wahrnehmung wird betont und das Modell eines objektiven, statischen und beschreibbaren Werkes löst sich auf. Dies führt auch zu einer wachsenden Zahl und Vielfalt an Installationen und Interventionen, von denen viele als re- oder interaktive Werke angelegt sind, häufig auch mit partizipativen Konzepten.

Vom Funken zum Pixel

Physikalisches Licht als Material und Medium der Kunst hat in den letzten Jahrzehnten an Virulenz gewonnen. Von den ersten Höhlenzeichnungen über Glas- und Transparenzarbeiten, Fotografie und Film als lichtzeichnerische Medien, Installation und Performance als Licht-, Raum- und Zeit-basierte Formate bis zu den digitalen, selbstleuchtenden Anzeigemedien des 21. Jahrhunderts ist in der Bildkultur der Gegenwart Licht der allgegenwärtige Counterpart von Medialität. Entlang den Schnittstellen von analoger und digitaler Welt verändern sich künstlerische Formate und mit ihnen der Kanon der Bildenden Kunst.

Die Autorin

Bettina Pelz ist Kuratorin mit Schwerpunkt Licht in der Bildenden Kunst. Im Rahmen ihrer Gastprofessur für Licht in der Bildenden Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar initiierte sie das Forschungsnetzwerk „Light In Fine Arts (LIFA) – Research“ gemeinsam mit Daniel Hausig und Michael Schwarz.